Gerichtsmedizin: Obduktion als Bestseller

Darauf kann die Welt verzichten: Berliner Charite-Arzt „verwurstet“ die Leichen jetzt in seinem ersten „Thriller“. Gerichtsmediziner Professor Doktor Tsokos (macht Obduktionen bei ungeklärten Todesfällen) schildert in seinem neuen Buch „Zerschunden“ Pressetermin in der Charite , die bestialischen Taten des (Zitat)„menschlichen Raubtieres“. Leser werden von Tsokos darin auf dumme und gleichzeitig wirklich „gute“ Ideen zu Straftaten gebracht.  (Und erhalten fachmännische Hilfestellungen wie man unentdeckt bleibt, das fördert das „Wettrüsten“ zwischen Tätern und Kripo) . Daneben verstärkt er die fortschreitende Verrohung: Leser stumpfen ab und nehmen alltägliche Brutalitäten anders wahr. Friedlicher oder seelisch gesünder wird sowieso Niemand durch solche Lektüre. Mich befremdet, daß ein Arzt so ein Buch schreibt. michaeltsokoszerschundenÄhnlich wie mich die Leichenplakate der „Körperwelten“ Hier eine eher harmlosere Variante überall in Berlin befremden, denen selbst die Kleinen im Kinderwagen nicht entkommen können. Anders als Dr. von Hagens mit seiner Leichenschau im berliner „Menschenmuseum“ verdient Tsokos mit seinen Bestsellern jedoch viel Geld. In seinem Buch über Kindesmisshandlungen in Deutschland „Deutschland mißhandelt seine Kinder“ beklagt er diese Auswirkung der Verrohung und emotionalen Verwahrlosung, mahnt was zu tun wäre, und verdient auch mit diesem Buch wiederum. Plastisch (und natürlich überspitzt) formuliert verdingt er sich als „Brandstifter“ und verkauft gleichzeitig Feuerlöscher.
Zitat aus „Zerschunden“: „…präsentieren wir einen echten Psychopathen und seine authentischen Greueltaten, alles wahr und wirklich bis ins grausigste Detail. Sehen Sie wie sich das menschliche Raubtier von innen gegen die Gitter wirft – aber seien Sie unbesorgt, der Käfig ist solide gebaut“. (Der „Käfig“ ist wohl in diesem Falle der Buchdeckel. In der Arztpraxis ist man prinzipiell leider  gerade nicht durch einen „soliden Käfig“ vor Straftätern geschützt sondern ganz im Gegenteil, „Arztpraxis: Ort für das perfekte Verbrechen“2/2014)
Der Leser soll es sich offenbar gemütlich machen beim wohligen Grausen, wie schon bei seinem Buch „Abgeschnitten“: Vorher zweimal prüfen ob auch abgeschlossen ist, Salznüsse und Schokolade und ein Glas Wein parat, und sich freuen daß man nicht selbst Opfer ist. Vielleicht auch ein bißchen Sich-Weiden am Leid Anderer, der „Brennpunkt“ nach der Tagesschau ist ja leider immer so schnell vorbei. Und schließlich kann ja nicht jeder selbst Mordopfer werden, und wenn doch dann leider nur einmal. 😉 Tsokos` Verlag nennt das „true crime“. Sich helfend auseinanderzusetzen mit Gewalt oder Elend im Leben der Mitmenschen, oder mit dem eigenen Tod, könnte auch „spannend“ und „gruselig“ sein. Aber der eigene Tod wird i.d.R. eisern verdrängt.
Mein Bedarf an Greuelschilderungen wie in „Zerschunden“ hielt sich immer in Grenzen, umsomehr nach erlittenen Folterungen in Arztpraxen, zuletzt offensichtlich vor wenigen Monaten(„Neue Zahnbrücke…“7/2015, dort 6b). Aber die allgemeine Nachfrage nach Stimulanzien dieser Art ist riesig, primär bei Leuten denen es zu gut geht und die sich langweilen. Opfer tun sich derartige Lektüre eher nicht an, sind ausreichend bedient mit den täglichen Berichten und Fotos blutüberströmter Attentatsopfer usw. in „Bild“, „Tagesschau“ etc.
Es ist zwar verständlich, daß Tsokos mit seinen zahlreichen drastischen Erfahrungen als Gerichtsmediziner -Wer hat schon solch ein Wissen?-  noch Irgendwas Anderes machen will. Aber dazu hat er zB im Rahmen seiner Professur Möglichkeiten, kann vor Studenten reden etc. Tsokos Professorentätigkeit Sicher hat Tsokos nach rund 10-12000 selbst durchgeführten Obduktionen, und rund 15000 Weiteren denen er beiwohnte, eine veränderte Wahrnehmung… (zum Problem der Abstumpfung auch „Wie kann der Arzt…“ 9/2014)  Wäre ich Gerichtsmediziner, würde ich diese Gewaltschilderungen und dieses Wissen (hoffentlich) nicht zu kommerziellen Zwecken öffentlich ausbreiten. Ist Toskos Bedarf an Geld und/oder Geltung derart groß, daß er auf Kollateralschäden(siehe Textanfang) keine Rücksicht nehmen will? Obwohl er als Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Charite und Inhaber einer Professur für Rechtsmedizin insofern gut versorgt, und eigentlich auch zeitlich ausgelastet sein sollte. Offenbar gibt es dort eine üppige Personaldecke woraufhin Tsokos viel Zeit anderweitig, auch für Leserreisen etc.Terminliste seines Verlages , verwenden kann. Oder hat sein Tag 35 Stunden?
Herr Dr.Tsokos trat aus der Kirche aus weil er durch seine berufliche Konfrontation mit der Gewalt der Täter den Glauben an Gott verlor. Man könnte umgekehrt nach insgesamt rund 25000 Obduktionen am Wunderwerk des menschlichen Körpers in die Kirche eintreten.
Ein Wunderwerk, das Respekt und jeglichen Schutz verdienen würde, ohne Wenn und Aber.

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