Arztopfer in den Siebzigern und Heute (2015)

Meine Großmutter(mütterlicherseits) schimpfte ständig über die Ärzte. „Das sind dich doch alles Schweine“ war ihr Standardspruch. Sie stammte aus Ost- oder West-Preußen (ja ich weiß: „Geographie Sechs, setzen!“) und auf der Flucht vor den herannahenden russischen Soldaten verhungerten von ihren vier Kindern drei. Einzig meine Mutter überlebte, während der Flucht war sie elf… Entsprechend gezeichnet war meine Oma(und auch meine Mutter) für den Rest ihres Lebens. Sie war körperlich aber ungewöhnlich robust und arbeitete dann in Westdeutschland als Waldarbeiterin.
Als ich so ungefähr 12 war, hielt meine Oma(damals rund 55) mir öfters ihre offene Hand hin mit mehreren kleinen Prothesenteilen/Brückenteilen. Feste Zähne hatte Sie fast Keine mehr. Sie ging -soweit ich Das mitbekam- oft zum Zahnarzt fürs Wiedereinsetzen, was jedoch wohl nur von 7 bis Frühstück hielt. Jegliche Bettelei um etwas Anständiges war offenbar umsonst. Sie war teilweise mit den Nerven am Ende und hatte auch Schmerzen im Mund, lief mit den Teilen in der Hand in der Wohnung herum. Was Das für Leid/zT Angst für meine Oma bedeutete konnte ich Damals nicht verstehen/nicht mitfühlen.

Sicher war es ein Nachteil meiner Oma, daß sie immer Klartext redete, bestimmt auch gegenüber dem Zahnarzt. Und garantiert kotzte sie sich beim Nächsten vollständig jeweils über den Vorherigen aus. Und viele Zahnarztalternativen gab es ohnehin nicht in der Kleinstadt. Man stelle sich Das vor, in den frühen Siebzigern: Ohne irgendwelche Transparenz(natürlich ohne Internet) . Wollte man eine Zeitung oder einen Anwalt oder Sonstwen informieren bedeutete Das, mit der Schreibmaschine(oder sonst von Hand) aufschreiben, schauen wo sich ein Kopiergerät befindet, die Kopien dann per Post schicken usw. Nochnicht einmal die heutige Ausgestaltung des Zahn-Gutachterwesen gab es. Sicher waren Damals Patienten die sich wehrten in einer noch fürchterlicheren Situation als heute.
Hausartz Dr.Ahrens -Gott hab ihn selig- hielt ihr Jahrzehnte die Treue: Bei ihm brachte sie sehr oft viel Zeit in der Sprechstunde zu und konnte sich dabei ihren Frust über die Weltgeschichte von der Seele reden, als wöchentliche „Stern-“ u n d „Spiegel“Leserin stets auf dem neuesten Stand. Von diesen Diskussionen erzählte sie mir häufig. Zu meinem Geburtstag(so ca. der 12.) erhielt ich von ihr ein Geschenk. Ich rätselte beim Auspacken laut(sie stand daneben) was das wohl ist und kündigte an: „Ich freue mich über Alles“. Was allgemein so auch(fast) stimmte. Es war leider nur Zahnputzzeug. Ich schämte mich bzw. war enttäuscht, ärgerlich. Meine Zähne habe ich natürlich daraufhin nicht besser geputzt. Dazu bedarf es Eltern die sich immer und immer wieder liebevoll bemühen.
PS: Omas Spruch in Zeile 1 trifft natürlich nicht den Kern, Ärzte sind nicht schlechtere (oder bessere) Menschen! Sie können sich lediglich -weitgehend vor Strafe sicher- wie die Schweine verhalten, und tun Das entsprechend häufiger als Nicht-Ärzte. Siehe zB „Arztpraxis…“2/2014
(Stichwort „Transparenz„: Siehe auch „Digitalisierung in der Arztpraxis“6/2014)

Kurzbericht über meinen „Kinderzahnarzt“ Dr.#:
Seine Praxis war in einer alten Riesenvilla im Stadtzentrum, die ihm gehörte und in der er wohl auch wohnte. Grundfläche rund 150 oder 200Quadratmeter, 5 Etagen, vielleicht aus den 1920er Jahren? Er war mein erster Zahnarzt, bis ich ca. 1985 mit rund 21Jahren zu meinem langjährigen ZA T wechselte. # „hustete“ fast jede Minute, so wie jemand der husten will obwohl er garnicht kann, mehr ein lautes Bellen. Als wenn er ständig Schreien wollte was natürlich in seiner Praxis nicht ging, oder wie jemand der sich seinen Hals ruinieren will. Man hörte ihn egal wo er in der Praxis gerade war. Das eine Brillenglas war aus undurchsichtigem Milchglas, vermutlich fehlte das Auge.
Zu Beginn fragte #: Hast Du geputzt?“ was ich bejahte. Er kratzte dann den Dreck von einem Zahn und hielt mir den vor die Nase. Jedes Mal war er lange mit dem Ratterbohrer zugange, offenbar hatte sich jeweils seit dem letzten Besuch viel Karies gebildet. Ohne Narkose(das Thema existierte nicht) und extrem schmerzhaft. Das Thema Zähne verdrängte ich -nach dem Termin jeweils wohl völlig geschockt- weitgehend, bis meine Mutter mir sagte „Nächste Woche geht’s zum Zahnarzt“. (Sie machte ca. einmal im Jahr einen Termin für mich) . Das Zähneputzen wurde sporadisch zuhause von meiner Mutter angesprochen: „Wirst ja sehen was davon hast wenn Dir nicht die Zähne putzt, sind ja Deine Zähne“.  Meine Zähne wurden nach dem # vom ZA T 1a in Ordnung gebracht. Später erfuhr ich, daß beim T auch „Tagesschau“-Sprecher usw. Stammpatienten waren. Beim T gelandet war ich durch eine Empfehlung meines Freundes V, dessen Familie dort schon seit Längerem war. Im Nachhinein fällt mir auf, daß T Niemals mahnte, besser zu Putzen. Ich begann damit von Alleine, in den letzten Jahren beim T.

Weil es thematisch paßt:   So mit 13 war ich wegen einem Minieingriff(wird heute ambulant gemacht) vier Nächte im Krankenhaus. Damals galt: Je länger der Patient bleibt umsomehr Geld gibt es. Natürlich war das Freiheitsberaubung: Die Einwilligung(von mir bzw. von meinen Eltern) vier Nächte zu bleiben entstand ja durch die Täuschung seitens des Krankenhausarztes(das sei für die Gesundung nötig) und war damit ungültig. Und Betrug an der Krankenversicherung. Über diese gängige damalige Praxis wird heute in den Medien immermal bloß beläufig und mit einem Schulterzucken berichtet. So wie über die Sinnlos-OPs(das heutige Pendant zu den damaligen Langzeitaufenthalten im KH) mit denen viele Ärzte heute versuchen, ihre Einnahmen zu steigern. Die Journalisten haben Angst vorm eigenen Arzt.

Lesen Sie auch „Übernehmen Sie Verantwortung“1/2014
[Ergänzung Mai 2017: Meinen offensichtlich sadistischen, und höchstwahrscheinlich pädophilen Kinderarzt Dr.C habe ich wohl aus Ängstlichkeit/Vorsicht 2015 weggelassen]

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